Deutschland 2017 – ein Einzelschicksal zeigt die Schattenseite

Veröffentlicht am 19.09.2017 in Bundespolitik

In einem Gastbeitrag schildert Bernd Volz die soziale Wirklichkeit des Landes und seine Erfahrungen im Alltag

Alles gut. Dieses Bild wird gerne vor Wahlen von den politischen Parteien gezeichnet. Eine Wohlfühlatmosphäre soll entstehen und ablenken von wichtigen sozialen Themen und von existenziellen Zukunftsfragen. Doch ist das wirklich so? In einem Gastbeitrag schildert Bernd Volz die soziale Wirklichkeit des Landes und seine Erfahrungen im Alltag mit einer seltenen Krankheit.

„Uns geht es so gut, wie schon lange nicht mehr!“ Ja, genau. Wir sind alle dankbar für diesen Luxus, dieses evolutionäre Hoch. Statistisch gesehen. Aber dieser Wohlstand der Masse hat einen hohen Preis – das Schicksal des Einzelnen, der von der Politik, und somit der „Masse“ aussortiert wird. Allenfalls erfahren die, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden, nur dann Aufmerksamkeit, wenn ein ideologisch rechtsgeprägter Mob auf Kosten anderer „Benachteiligter“ Stimmung schürt.

Es ist nicht nur (aber auch!) die Oma mit einer so geringen Rente, dass sie nicht an unserem statistischen Luxus teilhaben kann, nicht nur (aber auch!) der Obdachlose, der allenfalls im Umfeld des Durchschnittsdeutschen geduldet wird – es sind auch die chronisch Kranken! Nur haben Letztgenannte schon gar keine Lobby! Leider. Und genau dieser Zustand wirft ein sehr bedenkliches Licht auf unsere (oberflächliche) Wohlfühlgesellschaft. Schwache stören, Schwache werden aussortiert, Schwache werden vergessen.

So ist es auch zu erklären, wie eine (scheinbar) so hoch stehende Gesellschaft mit ihren Kranken umgeht. Diese werden schlichtweg nicht akzeptiert! Allenfalls durch eine Erkrankung gezeichnete Menschen als „Quotenbehinderte“, gut fürs Gewissen. Man ist ja so sozial – und lässt an seinem Reichtum teilhaben. Glücklicherweise ist das so, begünstigt aber wirklich nur den allerkleinsten Anteil der chronisch erkrankten Menschen.

Steht es dem Kranken nicht direkt „auf die Stirn geschrieben“, gibt es keine Akzeptanz. „Ein Sozialschmarotzer, der sich auf meinen Kosten ausruhen will“. Hierbei denke man besonders an die Masse etwa der psychisch Kranken. Eine nächste Steigerung im Negativ-Ranking sind die Menschen, die an einer derart seltenen Erkrankung leiden, die nicht einmal unsere medizinische Elite auf dem Schirm hat. Ohnehin schon stark belastet, ist man ständig in der Beweispflicht, um das mangelnde Wissen der Ärzteschaft zu kompensieren. Ein „Kampf gegen Windmühlen“ Selbstverständlich kann und darf man so nicht über alle Mediziner urteilen, aber eben über Viele. Diese in der Regel gepaart mit ignoranter Arroganz.

Ein Beispiel:

Nennen wir ihn Bernd, 55 Jahre alt, zwei Hochschulabschlüsse. Durch einen Autounfall mit einhergehender Verletzung der Halswirbelsäule wurde in den Folgejahren ein Engpasssyndrom des Schultergürtels ausgelöst. Beschwerden und Schmerzen werden immer stärker, eine Uniklinik nach der anderen versagt bei der Diagnosestellung. „Bernd ist ein Simulant, der will nicht arbeiten“, oder „er bildet sich alles ein, ein Psychiater sollte mal nachschauen“. Selbst ein durch das „Thoracic-Outlet-Syndrom“ (die Beschwerden haben nach 25 Jahren endlich einen Namen) erlittener Kleinhirninfarkt wird nicht erkannt (diese Diagnose erhielt unser Protagonist nämlich erst vor wenigen Tagen).
„Der sieht doch gesund aus“, „dem gehts gut“, ... gerade 2000 Menschen sind in Deutschland von diesem (ominösen) TOS betroffen, welches sonderbarerweise alle Gutachter (denn die haben in der Regel reichlich Phantasie und wollen nebenbei etwas verdienen) kennen, es allerdings von den wenigsten Ärzten erkannt wird. Es gibt tatsächlich gute Ärzte, man muss sie nur finden.

Zurück zu unserem Fall:

Bernd wurde vor zehn Jahren operativ durch Resektion der oberen Rippen behandelt. Der Engpass wurde entschärft, alles gut. Zurück am Arbeitsplatz. „Der sieht doch gesund aus“. „Der macht krank und baut an seinem Haus“, ... – Gerüchte, Verleumdung, massivstes Mobbing.
Durch Attest ausgeschlossene Arbeiten (Planungsabteilung eines hessischen Verkehrsverbundes) wurden absichtlich und nahezu ausschließlich erteilt. Im Krankheitsfalle „parkte“ in der Regel ein Detektiv in Sichtweite. Je weniger der ausrichten konnte, umso massiver wurde gemobbt. Keine Schwerbehindertenvertretung im Betrieb (öffentlicher Dienst!). „Behinderte machen ja nur Schwierigkeiten“, so der O-Ton eines Prokuristen. Böse Trennung.
(Provozierte) massive Vernarbungen, neben dem erlittenen Hirninfarkt, machten den Alltag zur Hölle. Krankenstand, zwei weitere, komplizierte neurochirurgische Eingriffe. Dauerschmerz, Schwindel, Depression.

Die Techniker Krankenkasse („wir sind eine Solidargemeinschaft“, so Sachbearbeiterin, nennen wir sie Elena H.) erklärte Bernd für gesund, selbstverständlich nicht ohne zuvor eine Gutachterin beim MDK zu bemühen. „Ich habe nur zu schauen, ob Sie irgendwo als Pförtner eingesetzt werden können“. Wer kann das nicht? Ansonsten hatte sie, sicherlich eine gute Ärztin, noch nie irgendwas von einem „Thoracic-Outlet-Syndrom“ gehört. Warum auch, einen solchen Patienten wird sie statistisch ja auch nur einmal in ihrer Laufbahn zu sehen bekommen. Warum also Zeit (und Geld) vergeuden? Die Krankenkasse will das so, die Krankenkasse bekommt das so. Ist doch alles gut.

Das Krankengeld wurde (trotz weiterem Anspruch) eingestellt. Gewinne müssen her, was interessiert da der einzelne, schwerkranke Patient? Der soll sich nicht so anstellen! Bernd wurde zum Arbeitsamt geschickt. Der gestellte Antrag wurde nach drei Tagen verworfen, da Bernd ja krank sei und somit dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stünde. Klar, ist ja so! Er solle zu seiner Krankenkasse gehen (die inzwischen blockt), oder eben Hartz IV beantragen (die anscheinend seit zwei Monaten keine Entscheidung treffen wollen). Niemand zuständig! Bernd wird „ausgehungert“. Oder besser: schwerkrank dazu genötigt, sich dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stellen, als Pförtner, oder so. Er sieht gesund aus, er kann nur gesund sein. Der will nur nicht. Niemand zuständig, keine Hilfe von irgendwo. Kranke interessieren eben nicht!

Dies ist eine wahre Geschichte, die aber sehr deutlich die Scheinheiligkeit unserer Wohlfühlgesellschaft widerspiegelt, die für ihren Reichtum nur zu gerne „Menschenopfer“ erbringt, die nicht einmal in der Wohlfühlstatistik auffallen. Armes reiches Deutschland!




Der Autor Bernd Volz (Jahrgang 1962) studierte Geodäsie und Regionalplanung. Politisch war er für die SPD aktiv im Gemeindeparlament in Weinbach und im Kreistag Limburg-Weilburg. Er gehörte dem Denkmalbeirat und dem Naturschutzbeirat des Kreises an. Ehrenamtlich war er als Schöffe beim Landgericht in Limburg tätig. Zwanzig Jahre engagierte er sich in einem Berufsverband als Referent für Hochschule und Bildung, zuletzt war er stellvertretender Landesvorsitzender. Aktuell arbeitet er mit weiteren vom „Thoracic-Outlet-Syndrom“ Betroffenen an der Gründung einer Selbsthilfegruppe.


 

 
 

MdL Tobias Eckert