
Schön ist das nicht. Ein Funktionsbau - mitten in einem historischen Umfeld
Es gibt größere und wichtigere Themen in Weilburg, als das Toilettenhäuschen am Denkmal.

Es gibt größere und wichtigere Themen in Weilburg, als das Toilettenhäuschen am Denkmal.
Dennoch erhitzen sich die Gemüter, weil dort, inmitten der historischen Altstadt ein Baukörper entstanden ist, der sich nicht in die vorhandene Baustruktur einfügt. Auch die Funktion eines "Pissoirs" passt nicht zu dem Ambiente eines städtischen Platzes, auf dem in der warmen Jahreszeit die beste Außengastronomie der Stadt betrieben wird.
Die Verantwortlichen der Stadt sind klug beraten, das Thema durch eine mutige und selbstkritische Entscheidung zu beenden, indem das Bauwerk an anderer Stelle neu errichtet wird. Die moderne Container-Bauweise macht dies sehr leicht möglich.
Insgesamt ist das Pissoir ein interessantes Lehrstück Weilburger Stadtpolitik, weil es zeigt wie mit wichtigen Themen bei uns umgegangen wird.
„Die bauliche Anlage von Altstadt und Schloss in einer naturräumlich einmaligen Situation auf einer Anhöhe, eingegrenzt durch die Schleife der Lahn ist eine bundesweite Besonderheit, die Weilburg aus einer Vielzahl anderer Städte heraus hebt. Ein baulich-kulturelles Erbe, welches zu bewahren und weiter zu entwickeln ist. „Bauen in Weilburg“ muss auf diese Besonderheit Rücksicht nehmen. Gute Architekten und eine hohe planerische Qualität sind gefordert.“
So steht es geschrieben im Wahlprogramm 2011-2016 der Weilburger SPD auf Seite 20.
Die Gestaltung und die Platzierung der Toilettenanlage werden diesen Zielen nicht gerecht. Hier handelt es sich um einen Baukörper, der auf die Raststätte einer Autobahn oder auf einen großen Parkplatz am Stadtrand passt. In den baulichen Charakter und das Ambiente der Altstadt fügt sich das Gebäude nicht ein. Es stört durch Lage und Aussehen und dadurch entsteht dauerhaft ein Nachteil für die Stadt.
Altstadt und Schlossanlage prägen das Gesicht Weilburgs. Tausende Touristen und Schlosskonzertbesucher besuchen deswegen die Stadt, sind die tragenden Säulen der touristischen Entwicklung und sichern den wirtschaftlichen Erfolg. Fehlentwicklungen durch verunstaltete Baukörper schaden dem Image als Tourismusstandort.
Die Kosten für die Toilettenanlage werden im Stadthaushalt mit 125.000 Euro angegeben. Die Finanzierung sollte durch einen Zuschuss von rund 60.000 Euro und einen städtischen Eigenanteil von 65.000 Euro erfolgen. So lautet der Beschluss der Stadtverordneten bei der Verabschiedung des Stadthaushalts (besser gesagt, beim Nachtrag dazu).
Beachtet wurde dieser Beschluss vom Rathaus allerdings nicht. Der Auftrag für das Projekt wurde vergeben, aber die Finanzierung war zu diesem Zeitpunkt noch nicht gesichert, denn die Bewilligung des Zuschusses war noch offen. Und dieser Zuschuss fehlt bis heute.
Vielleicht sind 60.000 Euro für das Rathaus nicht viel Geld. Doch Otto Normalverbraucher muss dafür lange arbeiten und sparen, bis eine solche Summe zusammen kommt. In den meisten Fällen gelingt das nicht. Jetzt muss der städtische Steuerzahler einspringen und die fehlende Summe begleichen. Gut ist das nicht, denn in Zeiten des kommunalen Schutzschirms sind die Bürgerinnen und Bürger der Stadt schon genug belastet.
Die Altstadt von Weilburg wird vom Hessischen Denkmalschutzgesetz als „Gesamtanlage“ eingestuft. Dies hat für Bauherrn Vorteile, weil Investitionskosten steuerlich geltend gemacht werden können. Es gibt aber auch die Verpflichtung, die baulichen Veränderungen und neue Baumaßnahmen „denkmalgerecht“ auszuführen. Bauherrn müssen deswegen vor Baubeginn eine denkmalschutzrechtliche Genehmigung einholen. Zuständig hierfür ist die Fachverwaltung beim Landkreis in Limburg, manchmal aber auch das Landesamt für Denkmalpflege in Wiesbaden.
Diese Regel gilt uneingeschränkt auch für die Stadt Weilburg. Und diese Regel wurde nicht beachtet. Die erforderliche Genehmigung wurde nicht beantragt und liegt nicht vor. Das Gebäude wird damit zu einem „Schwarzbau“:
Eine Stadt, die von ihren Bürgerinnen und Bürgern die Beachtung von Recht und Gesetz erwartet, die Rechtsverstöße mit einem Ordnungsgeld ahnden kann, wird damit zu einem schlechten Vorbild für die eigene Bevölkerung. Das Rechtsempfinden der hier lebenden Menschen wird empfindlich gestört.
Der Umgang mit den Regeln des Denkmalschutzes wurde bereits in der Vergangenheit in Weilburg sehr locker praktiziert. So gab es eine Gestaltungssatzung, doch bei der strikten Anwendung haperte es. Da wurden großflächig Bierkrüge an Hausfassaden gemalt, doch die Beseitigung wurde nicht durchgesetzt. Die Beispiele lassen sich fortführen.
Mit dem Toilettenhäuschen sollte diese Praxis fortgesetzt werden. Die Denkmalbehörde ist weit weg und wird schon ruhig bleiben, so vermutlich die Annahme der Stadt.
Doch wird sie (die Denkmalbehörde) tatsächlich ruhig bleiben?
Ein Beitrag von Hartmut Bock, Stadtverordneter in Weilburg.