Mehr Jugend oder mehr Senioren?

Veröffentlicht am 29.05.2020 in Stadtpolitik

Hier ist immer etwas los. Jetzt soll der Kirmesplatz in Weilburg bebaut werden. Ein umstrittenes Vorhaben.

Auf dem Kirmesplatz in Weilburg soll jetzt ein Seniorenprojekt entstehen

Weilburg im Jahre 2020 erfordert viele neue Weichenstellungen, denn die Corona-Pandemie wird Spuren hinterlassen. Kleine Händler, Gastronomen, Gewerbetreibende und Vereine müssen um ihre Existenz fürchte und stehen vor neuen Aufgaben. Die touristische Entwicklung wird leiden und die Stadtkasse wird schrumpfen. Ein optimistischer Blick in die Zukunft ist gefordert, eine Neuausrichtung der Ziele, Visionen sind gefragt.

Doch der klare Kurs fehlt. Die in der Stadt umstrittene Bebauung des Kirmesplatzes, die drei Jahre in der Schublade schlummerte, liegt plötzlich wieder auf dem Tisch. Die Stadtverordneten reiben sich verwundert die Augen, denn die damaligen Ziele der Planung gelten heute nicht mehr. Seinerzeit wurde von einem Wohnprojekt mit der dazu gehörenden Infrastruktur gesprochen, modern, zukunftsorientiert; junge Familien, Singles und auch Senioren sollten der schrumpfenden Stadt neue Bewohner und ein modernes Ambiente bringen. Siehe auch Bericht im Weilburger Tageblatt vom 21.5.2016. Die Sozialdemokraten haben seinerzeit mehrheitlich zugestimmt, obwohl es heftige Bedenken und Bauchschmerzen gegen die intensive Nutzung und die groß dimensionierten Bauten gab. Denn der ehemalige Kirmesplatz erfüllt nach wie vor als Freifläche eine wichtige städtebauliche Funktion, die nicht zu unterschätzen ist.

Die Öffentlichkeit bleibt außen vor

Wohnen als Ziel - so das Tageblatt vom 21.5.2016
Wohnen als Ziel - so das Tageblatt
am 21.5.2016

Die jetzige Planung hat mit den damaligen Überlegungen nichts mehr gemeinsam. Mit 60 Pflegeappartements, ambulanten Pflegediensten und über 40 Einheiten für betreutes Wohnen bekommt das Areal den Charakter einer Seniorenwohnanlage direkt neben der geräuschintensiven Bundesstraße. Dem Willen der Stadtverordneten von 2016 entspricht das nicht mehr. Gearbeitet wird mit allen Tricks. Die Kontaktbremsen der Coronazeit und die verschlossenen Türen des Rathauses werden genutzt, um die unbekannte Planung „bekannt“ zu machen. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Offenlage wird das nach dem Baurecht genannt. Moderne und transparente Verwaltung und Bürgerbeteiligung sieht anders aus, denn hinter verschlossenen Türen, vorbei an den Augen der Öffentlichkeit darf in der heutigen Zeit ein solch groß dimensioniertes Projekt nicht mehr entstehen.

Geld verdienen mit Senioren

Begründet wird die Änderung des Nutzungszwecks nicht? Ist den damaligen Investoren die Luft ausgegangen? War das Wohnprojekt beim Weilburger Mietniveau nicht rentabel? Lässt sich mit Senioren mehr Geld verdienen? Offene Fragen, aber keine Antworten. Wer sich aufmerksam umschaut, der sieht rundum viele Investitionen in Seniorenprojekte, die offensichtlich ein lohnendes Geschäftsmodell sind. Nicht der Mensch steht im Mittelpunkt, sondern Rendite und Profit. Die Frage nach Überkapazitäten wird nicht gestellt, doch sehr schnell wird am Bedarf vorbei gebaut und Abschreibungsprojekte entstehen. Werden dadurch in Weilburg vorhandene, gut laufende Einrichtungen in ihrer Existenz gefährdet? Diese Frage stellt im Moment niemand.

Die Rechnung unseres Weilburger Demografieexperten Andreas Tiefensee, der einen Bedarf sieht, kann an dieser Stelle heftig ins Auge gehen. Natürlich steigt auch bei uns der Anteil älterer Menschen, überproportional sogar. Doch der Wunsch nach einem Lebensabend in einer zentralen und unpersönlichen Einrichtung wird nicht größer. Senioren sollen und wollen heute möglichst lange in der bekannten häuslichen Umgebung bleiben. Denn die meisten Menschen im Weilburger Land haben eigene Häuser. Ambulant vor stationär, das ist die Devise, sogar der Gesetzgeber will das so. Das ist menschlicher und es entstehen gleichzeitig niedrigere Kosten. Gerade die besondere Gefährdung in der Corona-Zeit hat noch einmal deutlich die Nachteile von großen Seniorenanlagen gezeigt. In moderner Umgebung waren die alten Menschen eingesperrt, kaserniert, es gab Kontaktverbote, Isolation, Vereinsamung und mehr. Ein menschenwürdiges Leben sieht anders aus. Alles erforderliche Schutzmaßnahmen unter denen die Menschen aber besonders leiden mussten.

Wo ist das seniorenpolitische Gesamtkonzept?

In Weilburg fehlt ein seniorenpolitisches Gesamtkonzept, das zeigt sich an dieser Stelle sehr deutlich. Wir schauen hilflos zu, haben keine Daten und Zahlen und bekommen die Konditionen von außen diktiert. Kennen wir die Bedarfe? Wie sehen unsere Ziele aus? Wie können wir vielen Senioren ein langes, selbstbestimmtes und eigenverantwortliches Leben im eigenen Haushalt ermöglichen? Können Bewohner einer solchen Anlage noch am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Wo sind die Antworten. Investoren wollen Geld verdienen, das ist ihr gutes Recht. Doch wo bleiben die Interessen der Stadt und der Menschen die hier leben?

Urbanes Gebiet

Die Renditeorientierung des jetzt geplanten Projekts ist sehr leicht an der vorliegenden Planung abzulesen. Vier kompakt zusammengepresste Baukörper, hoch verdichtet, kaum Freiraum oder Grün, der letzte Quadratmeter wird wirtschaftlich genutzt. Wohn- und Aufenthaltsqualität spielt keine Rolle. Dazu noch das gelungene Kunststück mit der Einstufung als „urbanes Gebiet“. Dadurch reduzieren sich die Vorgaben für die Geräuschbelastung und ein zunächst geplanter teurer Schallschutz kann entfallen. Die ursprünglich vom Stadtparlament angestrebte Nutzung als „Mischgebiet“ ist der Rendite zum Opfer gefallen. Hier zeigt sich auch die fehlende Qualität eines Standortes direkt ein einer lauten Bundesstraße, der Hauptverkehrsader durch Weilburg.

Die Stadt der Alten

Weilburg braucht einen optimistischen Blick in die Zukunft. Wir brauchen Arbeitsplätze und Wohnraum für gut ausgebildete junge Menschen, die hier ihren Lebensmittelpunkt aufbauen, eine attraktive Infrastruktur und ein aktives Kulturleben. Bei der baulichen Entwicklung sind vorhandene Ressourcen zu schonen und modern zu entwickeln. Wir dürfen uns nicht zur „Stadt der Alten“ entwickeln. In den vorhandenen Wohngebieten ist der Altersdurchschnitt schon erschreckend hoch und die Investitionsbereitschaft besonders niedrig. Die Projekte im Umfeld der Sparkasse haben auch Senioren mit dickem Geldbeutel im Blick und am Kirmesplatz geht es mit dem „Bauen für Senioren“ weiter. Eine Perspektive für die Jugend fehlt. Das Kirmesplatzprojekt mag ein lukratives Renditeprojekt sein, der Stadtentwicklung dient es nicht. Auch der Charakter einer zentralen Alteneinrichtung passt nicht mehr in die Zeit.

Nahezu die Hälfte der Todesfälle durch Covid-19 in Hessen haben sich in Betreuungs- oder Pflegeeinrichtungen ereignet. Ältere Menschen gehören zur Hochrisikogruppe für einen schweren Verlauf der Corona-Infektion. Deswegen brauchen sie auch besonderen Schutz und dezentrale, möglichst häusliche Wohnungen. Auch vor diesem Hintergrund ist die vorliegende Planung abzulehnen. Sie ist städtebaulich nicht verträglich, passt nicht mehr in die Zeit und gefährdet vorhandene Einrichtung. Der Bürgermeister hat dem Unterzeichner mit Schreiben vom 4. Mai 2020 zugesichert, dass „die Bevölkerung sowie die politischen Gremien ausreichend Gelegenheit haben werden, sich mit der neuen Konzeption zu befassen“. Das ist gut und sollte auch von den Bewohnern der Stadt und auch von den Parlamentariern umfassend genutzt werden. Noch ist es nicht zu spät.

Ein Beitrag von Hartmut Bock, SPD-Fraktion Weilburg

 
 

MdL Tobias Eckert